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Die hohe Schule des Motorradfahrens

 

 

Auf Grund ihrer langjährigen Erfahrungen geben die N.S.U.-Werke eine Fahranleitung, die jedem Motorradbesitzer von Nutzen sein dürfte. Wir lassen sie nachstehend folgen :

 

Der glücklich erworbene Führerschein ist für den Motorradler keineswegs auch eine Vollmacht, sein Verhalten im öffentlichen Verkehr ganz nach Belieben einzustellen und zu rechtfertigen. Wer nach dieser Vorschule der ein technischen Handhabung seines Motorrads nicht fortfährt, sich in seinem Sport auch nach der ästhetischen Seite hin zu vervollkommnen, und sich dem Straßenbild nicht anzupassen sucht, der kann sich unter Umständen wohl den Ruf eines guten und schnellen Fahrers sichern, aber vorbildlich und für den Motorradsport empfehlend wird er nie sein. Hierauf muss um so mehr geachtet werden, als beim Motorradfahren das persönliche Moment viel offensichtlicher in die Erscheinung tritt als beim Motorwagenfahren . Gerade weil der Motorradler bisher im allgemeinen in dieser Beziehung sehr nachlässig war, ist es soweit gekommen, dass er vom Publikum als etwas Zweitklassiges betrachtet wird. Deshalb soll er jetzt doppelt bemüht sein, auch äußerlich zu dokumentieren, dass der Motorradsport ein „Herrenfahrsport“ ist.

 

Es dürfte hier wohl angebracht sein, im nachstehenden einige Fingerzeige darüber zu geben, wie man sich eine gute Fahrtechnik aneignet und was der Motorradler in bezug auf seine äußere Erscheinung zu beachten hat, will er Anhänger für seinen Sport gewinnen.

 

Die Fahrtechnik hängt in der Hauptsache mit den persönlichen Eigenschaften des Fahrers selbst zusammen. Bevor man zum Motorradfahren übergeht, ist es notwendig, dass man ein guter und sicherer Radfahrer ist, denn nur dann wird man sich gleich von vornherein sicher auf dem Motorrade fühlen. Selbstverständlich erfordert das Motorradfahren eine größere Geistesgegenwart und Kaltblütigkeit, und zwar sollten diese Eigenschaften um so ausgeprägter sein, je stärker die Maschine und je komplizierter ihre Bedienung ist. Um die Fahrsicherheit auch des Anfängers zu erhöhen, ist bei den N.S.U.-Motorrädern eine möglichst einfache Bedienungsweise vorgesehen, und wenn die an früherer Stelle beschriebenen Handgriffe an der auf dem Ständer laufenden Maschinen genau einstudiert und alle Vorkehrungen getroffen sind, kann ruhig die erste Fahrt versucht werden. Man wähle dafür eine gute, verkehrsfreie und ebene, möglichst wenig bergan gehende Straße. Auch ist es ratsam, die ersten Fahrten nicht allzu weit zu unternehmen, bis der Fahrer etwas sicherer geworden ist. Vor allem vermeide man in der ersten Zeit, dass Durchfahren größerer Städte und verkehrsreicher Straßen; hierdurch sind schon vielfach abwendbare Unglücksfälle vorgekommen. Es muss bedacht werden, dass bei einem jungen Fahrer ein derartiger Unglücksfall, selbst wenn er gut abläuft, eine gewisse Unsicherheit hervor ruft. Ebenso vermeide man das Durchfahren von schadhaften Straßenstellen, da hierdurch der Motor Gegenstöße erhält, die auf dessen Leistung, wie überhaupt auf das ganze Rad, schädlich einwirken. In der geschickten Ausnützung der Straßenoberfläche, dem Vermeiden von Löchern und Unebenheiten, zeigt sich der gute Fahrer. Von der Vorschrift des Ausweichens darf nie abgegangen werden; in Deutschland bei jedes maligem Signal rechts ausweichen und links überholen. Während der Fahrt halte man möglichst die rechte Straßenseite ein, ohne jedoch dem seitlichen Fußsteig zu nahe zu kommen und damit die Passanten zu beunruhigen. Dies gilt besonders dann, wenn die Straße nass ist und Pfützen darauf sind. Jede unübersichtliche Biegung, Querstraße usw. ist unter vorherigen Hupen und Gasabstellen zu passieren. Ferner müssen alle an den Straßen, Wegkreuzungen, vor Ortschaften usw. angebrachten Schilder oder Warnungstafeln genau beachtet werden, um sich vor unnötigen Strafen und Zwischenfällen zu schützen. Das Durchfahren von Ortschaften muss mit besonderer Vorsicht und langsam geschehen, da innerhalb derselben die Gefahr eines Unglücks näher liegt. Während der Fahrt lasse man die Straße niemals aus den Augen und bleibe immer mit voller Aufmerksamkeit bei dem Rade. Asphalt- und Pflasterstraßen müssen besonders vorsichtig und langsam passiert werden, hauptsächlich wenn sie nass und dadurch sehr schlüpfrig sind. Bei plötzlich drohenden Gefahren ist es ratsam, Zündhebel, noch besser gleichzeitig mit Gashebel, sofort abzustellen und allmählich, jedoch kräftig zu bremsen. Bergab vermeide man mit arbeitendem Motor zu fahren; man hebe vielmehr die Auspuffventile, die Kolben saugen dann frische Luft an und der Motor kühlt sich wieder gut ab.

 

Besondere Vorsicht erfordert das Befahren von Kurven. Hierbei kann man sich an die Regel halten; bei verringertem Tempo ist möglichst die innere Kurvenseite einzuschlagen, welche durch ihren Böschungswinkel vor dem Abrutschen schützt. Bei besonders scharfen Kurven gebraucht man die Vorsicht, den Fuß, der sich an der Innenseite der Kurve befindet, vom Pedal zu nehmen, aber nicht um auf Kosten der Stiefelsohlen zu bremsen, sondern im Fall eines Wegrutschen des Rades einen Sturz zu vermeiden. Ein von geübten Motorradfahrern angewandter Trick besteht darin, vor dem Einfahren in die Kurve auf der äußeren Seite zu fahren, beim Einfahren allmählich auf die Innenseite einzubiegen, um beim Verlassen der Kurve wieder auf die Außenseite zu gehen. Auf diese Weise hat man den zu befahrenden Kurvenradius vergrößert, d.h. die Kurvenbiegung verringert und dabei doch die innere Kurvenböschung der Straße benützt. Das man beim Kurvenfahren stets Signal geben soll, braucht kaum gesagt zu werden.

 

Eine besondere Übung wieder erfordert das Fahren eines Motorrades mit Seitenwagen. Man fahre zuerst langsam; nimmt eine Kurve, so neige man sich nach innen, d.h. nach dem Mittelpunkt des Bogens, den man fährt und lenke, ohne den Versuch zu machen, das Gleichgewicht zu halten. Man beachte ferner, dass hierbei in gewissem Maße ein. ein Gleiten eintritt und dass es bei der ersten Fahrt nicht leicht ist, eine Kurve nach der dem Seitenwagen abgewendeten Seite hin zu nehmen. Im allgemeinen bietet das Fahren mit besetztem Seitenwagen weniger Schwierigkeiten als bei unbesetztem. Befährt man mit leerem Seitenwagen eine scharfe Kurve, so neigt das Rad des Seitenwagens, falls man nicht sehr langsam fährt, oft dazu, sich vom Boden hochzuheben, so dass Maschine samt Seitenwagen umschlagen können. Es empfiehlt sich daher, beim Befahren scharfer Kurven die Geschwindigkeit sehr zu verringern und sich nach innen zu neigen oder, wie vorbemerkt, den „freien“ Fuß vom Pedal zu nehmen, falls sich das Seitenrad vom Boden hochhebt. Gewöhnlich ist es der Fall, dass der Passagier an das Fahren im Seitenwagen nicht gewöhnt. Unter solchen Verhältnissen muss der Fahrer alles allein tun; es ist daher ratsam, den Passagier anzuweisen, nach welcher Richtung hin er sich beim Befahren von Kurven neigen soll. Die Geschwindigkeit, mit der man fährt, sowie die Wölbung der Straße über natürlich einen großen Einfluss darauf aus, wie sehr man sich neigen soll. Hat eine Kurve die richtige Wölbung, so ist es bei mäßiger Geschwindigkeit eine sehr geringe Gewichtsverschiebung erforderlich; sollte aber der Verkehr den Motorradfahrer dazu zwingen, auf der falschen Straßenwölbung zu fahren, so muss größte Vorsicht obwalten lassen und Fahrer wie Passagier müssen sich gut hinausneigen.

 

Diese Fingerzeige dürften genügen, den Anfänger allmählich in das Stadium der Erfahrung überzuleiten. Damit soll aber dann für den Motorradfahrer die Schule nicht endgültig abgeschlossen sein, sondern jetzt gilt es den schönen Motorradsport auch nach außen hin würdig zu vertreten und empfehlend zu wirken. Dazu gehört Selbstkritik und restloses Streben nach Vervollkommnung in der Fahrkunst. Vor allem fange der Motorradler jetzt auch damit an, sich ein elegantes Fahren anzugewöhnen. Schon die Haltung im Sattel ist bezeichnend. Allzu große Lässigkeit oder etwa weit über die Lenkstange vorgebeugter Oberkörper erweckt den nicht nur das Gefühl der Gleichgültigkeit des Fahrers, sondern lässt auch den sog. „Rennfatzken“ erkennen; während zu steifes Sitzen jene körperliche Ungewandtheit vermuten lässt, die dem Anfänger eigen ist. Der heute tief angeordnete Sattelsitz gestattet in Verbindung mit ein Paar Fußstützen eine wirklich bequeme und auch für das Auge angenehme Körperstellung. Auf offener Straße kann bei einigermaßen Sicherheit im Fahren die Lenkstange leicht in der Hand vibrieren, da sich die Armmuskel hierbei ausruhen.

 

Im übrigen ist die Lenkstange nicht krampfhaft, jedoch fest mit beiden Händen zu halten. Ist ein Griff an einem der Hebel auszuführen, so warte man damit, bis man ohne Gefahr die eine Lenkstangenhälfte loslassen kann. Der Kopf sei beweglich, vor allem an Straßenkreuzungen. Das Rauchen während der Fahrt ist nicht nur ungesund, sondern auch unschicklich, da es ablenkt, zum mindesten diesen Eindruck hervorruft. Das Gleiche gilt von dem völligen Loslassen der Lenkstange, um damit dem Publikum zu imponieren.

 

Hand in Hand mit dieser Förderung in der Fahrkunst sollte dann aber auch eine Wandlung in der äußeren Erscheinung des Motorradlers vor sich gehen. Der Fahrer sollte Wert darauf legen, auch in der Kleidung erkennen zu lassen, dass er heute nicht mehr nötig hat, den wandernden Mechaniker darzustellen. Natürlich soll jede Übertreibung vermieden werden; aber wenn sich auf der Landstraße z.B. ein grauer Sportanzug mit kurzen Hosen und Gamaschen und als Kopfbedeckung eine weiche Klubmütze empfiehlt, so lassen sich Stoff und Schnitt auch so wählen, dass sie bei Stadtfahrten und sonstigem Auftreten vor dem Publikum (in Lokalen usw.) sauber und empfehlend wirken. Man bringe so gut wie möglich in seiner äußeren Erscheinung zum Ausdruck, welcher Art die Fahrten sind, die man zu unternehmen gedenkt. Es sollen dabei, abgesehen von beruflichen Zwecken, so denen man das Motorrad benötigt, mehr von der reinen Sportseite aus Betrachtungen angestellt werden. Man kann da wohl drei Arten unterscheiden, und zwar den Stadt-, Touren- und Rennfahrer.

 

Die Sorgfalt auf die äußere Erscheinung lasse den Motorfahrer jedoch die Fürsorge für die Maschine keinesfalls vergessen. Man gewöhne sich daran, sein Motorrad nach jeder Fahrt gründlich zu reinigen und die Muttern und Schrauben auf ihren festen Sitz hin zu prüfen. Macht man Reparaturen selbst, so erledige man sie unbedingt ordentlich; lose Teile, wie beispielsweise das Nummernschild , befestige man nicht mit Draht oder Bindfaden, wenn die Schrauben verloren sind. Verwendet man nur täglich einige Minuten für sein Motorrad, dann erspart man sich viel Ärger und Kosten. Das Publikum hat sich durch die sauberen Automobile einen Schönheitssinn für Motorfahrzeuge angeeignet, der vom Motorradfahrer ebenfalls berücksichtigt werden sollte.

 

Quelle: Die Kraftfahrzeuge und ihre Behandlung von Häntschel-Clairmonts, Charlottenburg April 1925